22.05.2019

Was ist uns die Geburtshilfe wert?

Rund 20 Gäste hatten sich am Abend des 01. Aprils im Zunfthaus der Narizella Ratoldi in Radolfzell eingefunden, um über das Thema Geburtshilfe zu diskutieren. Dazu hatte ich meine Abgeordnetenkollegin Jutta Niemann aus dem Landtag eingeladen, die fachpolitisch für das Thema zuständig ist. Seit der Schließung der Radolfzeller Geburtsklinik im Jahr 2017 wird das Thema hier immer noch sehr emotional diskutiert, wie auch die Veranstaltung zeigen sollte.

Ein Blick in das Publikum zeigte gleich zu Beginn einen Teil des Problems auf: es waren lediglich Frauen erschienen. Die Männer scheint die Frage, wie, wo und unter welchen Umständen Frauen Kinder bekommen nach wie vor leider wenig zu interessieren. Allerdings sind es wiederum die Männer, die in der Politik und den Führungsetagen der Krankenhäuser noch immer größtenteils das Sagen haben und damit die Rahmenbedingungen schaffen. Zum Einstieg stellte ich daher auch die provokante Frage, ob die Anwesenden denn der Meinung seien, dass die Situation in der Geburtshilfe, also beispielsweise die Bezahlung und Arbeitsbedingungen von Hebammen, besser wäre, wenn Männer die Kinder zur Welt brächten. Als Antwort bekam ich ein einstimmiges „Ja“ der Gäste zu hören.

Jutta Niemann, die ich zu dieser Veranstaltung als Referentin eingeladen hatte, ging eingangs in ihrem Vortrag auf verschiedene Probleme im Zusammenhang mit der Geburtshilfe in Deutschland ein. Zum Beispiel liegt in Deutschland die Kaiserschnittrate bei ca. 30 Prozent, medizinisch notwendig sind allerdings lediglich 10 bis 15 Prozent. Kaiserschnitte werden jedoch im deutschen Gesundheitssystem besser vergütet als natürliche Geburten und sind für die Krankenhäuser außerdem besser planbar. Zudem hat knapp die Hälfte aller Krankenhäuser in Baden-Württemberg Probleme, offene Stellen für Hebammen zu besetzen. Daraus entsteht ein Teufelskreis: da es an Hebammen mangelt, betreuen diese in Deutschland oft bis zu 3 oder 4 Geburten gleichzeitig in den Kliniken. Die daraus resultierende hohe Arbeitsbelastung führt dazu, dass ausgebildete Hebammen durchschnittlich nur 3-7 Jahre im Beruf verbleiben und deutschlandweit gerade einmal 20 Prozent der Hebammen in Vollzeit arbeiten. Hinzu kommt eine schlechte finanzielle Vergütung und die hohen Haftpflichtprämien für selbstständige Hebammen. Diese Statistiken schrecken dann wiederum viele ab, die sich für den Beruf interessieren und so ändert sich nichts an der Gesamtsituation.

Im Rahmen der Veranstaltung kam auch die in Radolfzell praktizierende Hebamme Helga Häusler zu Wort, die die Forderungen der Hebammen auf die Frage zuspitzte „Kann ich meinen Beruf so ausüben, dass ich das, was ich da tue auch verantworten kann?“. Angesichts der geschilderten Rahmenbedingungen, die aktuell herrschen, ist das vielerorts leider nicht der Fall.

Um die Situation in der Geburtshilfe zu verbessern, muss der Hebammenberuf also wieder attraktiver gemacht werden und die Personalausstattung an den Kliniken muss erhöht werden. Ersteres soll beispielsweise dadurch erreicht werden, dass die Hebammenausbildung aufgrund einer EU-Richtlinie ab 2020 akademisiert werden soll. Hiervon verspricht man sich eine höhere Wertschätzung des Berufs und damit verbunden auch eine höhere Vergütung. Weitere Maßnahmen müssen folgen. Auf Initiative des grün-geführten Sozialministeriums, tagt in Baden-Württemberg seit 2017 der Runde Tisch Geburtshilfe, der sich zum Ziel gesetzt hat die flächendeckende Versorgung für werdende Mütter in Baden-Württemberg zukunftsfest weiterzuentwickeln. Die Ergebnisse der Expertenrunde werden noch im Frühjahr 2019 erwartet.

In der anschließenden offenen Fragerunde, wurde dann auch sehr emotional darüber diskutiert, was sich dringend ändern muss. Völlig unverständlich sei es beispielsweise, dass Hebammen aktuell zusätzlich zur hohen Arbeitsbelastung auch noch fachfremde Arbeit übernehmen müssen und teilweise für die Reinigung der Kreissäle zuständig sind. Auch die Situation bei uns vor Ort ist insbesondere seit der durch den Kreistag veranlassten Schließung der Geburtsklinik in Radolfzell nicht zufriedenstellend. Zum Beispiel ist die Zahl der Hausgeburten seit der Schließung rund um Radolfzell rapide angestiegen und man darf durchaus die Frage stellen, ob dies immer auf freiwilliger Basis geschah. Um für eine Verbesserung der Situation im Kreis zu kämpfen, hat sich jüngst die Initiative familienfreundliche Geburtshilfe gegründet, deren Vertreterinnen auch bei der Veranstaltung anwesend waren. Wer sich hier engagieren möchte, findet weitere Informationen auf: www.facebook.com/geburtshilferado/

Für mich war der Abend ein Beweis dafür, dass wir Frauen noch lauter werden müssen, wenn es um so substantielle Themen, wie beispielswiese die Geburtshilfe geht. Auch müssen sich mehr Frauen politisch engagieren, um hier für eine Veränderung der Rahmenbedingungen zu kämpfen. Denn die Zustände bei den Hebammen sind vergleichbar mit vielen weiteren Berufen im Gesundheitsbereich, wie Krankenschwestern oder Altenpflegerinnen, die vorwiegend von Frauen ausgeübt werden.

Kategorien:Aktuelles Wahlkreis
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