12.12.2018

Besuch des ältesten Instituts für Demoskopie Deutschlands in Allensbach

Zentral in der Ortsmitte von Allensbach, in einem alten Gebäude mit viel Charme und moderner Inneneinrichtung gelegen, findet sich das Institut für Demoskopie. Gegründet wurde es von der einflussreichen Kommunikationswissenschaftlerin und Demoskopie-Pionierin Elisabeth Noelle-Neumann bereits im Jahr 1947. Damit war es das erste und heute älteste Meinungsforschungsinstitut in Deutschland. Seit 1988 ist Frau Köcher nun die Geschäftsführerin. Das Allensbacher Institut war damit also immer „ein Matriarchat“, wie Frau Köcher mir im Gespräch erzählt. Zur Gründungszeit im Nachkriegsdeutschland war dies durchaus eine ziemliche Besonderheit.

Von der Zentrale in Allensbach aus, werden von rund 80 festangestellten Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern über 1.300 nebenberufliche Interviewer koordiniert, welche die Umfragen für das Institut durchführen. Den meisten dürfte das Allensbacher Institut vor allem durch die sogenannte „Sonntagsfrage“ ein Begriff sein. Regelmäßig fragt das Institut ab, wen die Bürgerinnen und Bürger in Deutschland wählen würden, wenn am Sonntag Bundestagswahl wäre. Frau Köcher eröffnet mir im Gespräch, dass die politische Meinungsforschung aber nur noch einen geringen Teil der Arbeit des Instituts ausmacht. Der Schwerpunkt liegt mittlerweile auf Media-Analysen, Marktforschung, Sozialforschung und der Erstellung von Umfragegutachten für die Rechtspraxis.

Im Gespräch mit Frau Köcher sprechen wir auch das veränderte Mediennutzungs- und Informationsverhalten vieler Menschen an. Dieses hat maßgeblichen Einfluss auf die politische Bildung der Bevölkerung. Studien zeigen auf, dass Texte online anders gelesen werden als offline. Gedruckte Artikel werden meist noch ausführlich gelesen, wohingegen im Online-Bereich beispielsweise oft nur die Überschriften und ersten Absätze gelesen werden, was dazu führt, dass sich viele zwar informiert fühlen, es aber in Wahrheit gar nicht mehr sind. Langfristig können solche Entwicklungen für eine Demokratie zu einem Problem werden.

Ich frage Frau Köcher, was sie Kritikern entgegnet, die behaupten, dass Umfragen Wahlen beeinflussen würden. Der Einfluss von Umfrageergebnissen auf Wahlentscheidungen werde laut Frau Köcher überschätzt. Dazu kommt mittlerweile eine fast inflationäre Veröffentlichungspraxis, ständig werden neue Umfragen zu Parteien und politischen Fragen veröffentlicht, was die Wirkung der einzelnen Umfrage deutlich vermindert. Das Allensbacher Institut veröffentlicht nur einmal im Monat in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung eine Analyse zu einem bestimmten politischen Thema, die dann auch die sogenannte „Sonntagsfrage“, also die Wahlabsichten beinhaltet. Auf Länderebene führt das Institut unmittelbar vor Wahlen keine Untersuchungen durch, sondern nur zwischen den Wahlen, um die politische Agenda der Bürger und ihre Zufriedenheit mit der Landespolitik zu analysieren.

Abschließend angesprochen auf eine vermeintliche Krise der Umfrageforschung, die in der Vergangenheit sowohl bei der Trump-Wahl, als auch bei der Abstimmung zum Brexit, falsch lag, nimmt Frau Köcher ihre Kolleginnen und Kollegen jenseits des Atlantiks in Schutz. Die Vorhersagen für die amerikanischen Wahlen seien korrekt gewesen, wurden allerdings falsch interpretiert. Da sich an den Umfragen zu den vergangenen Landtagswahlen außerdem gezeigt hat, dass die Ergebnisse sehr genau vorausgesagt werden konnten, können wir damit rechnen, dass es die Umfrageforschung noch lange geben wird – auch in Allensbach am Bodensee.

Kategorien:Aktuelles Wahlkreis
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